Schmetterlinge können nicht gehen…

 

Der kleine  landete auf der Erde am 20. August 1982.

Der liebe Gott hatte ihn in ein kleines Dorf in Deutschland geschickt. Seine Eltern wählten für ihn den Namen Martin aus, weil das so ein schöner Name ist und sie einen kleinen Jungen kannten, der auch Martin hieß und ein sehr liebes Kind war. Als Zweitnamen gaben sie ihm den Namen Alexander, weil sie wollten, dass er gross und stark werden sollte.

Aber der kleine Schmetterling Martin war nicht stark. Er war zart und brav. Und so begann sein Leben auf der Erde, er hatte einen langen Weg vor sich.

Gehen konnte er nicht, er war ja ein    – und Schmetterlinge können nicht gehen. Ein bißchen krabbeln konnte er, aber auch dabei war er sehr schnell müde, er war froh, wenn er es bis zur nächsten Bank oder zum nächsten Stuhl schaffte. Dort richtete er sich auf und schaute mit großen Augen auf die vielen Dinge, die er nicht verstehen konnte. Manchmal blieben Leute stehen und schauten auf ihn herab.

Manchen tat er leid, aber sie wußten ja auch nicht, dass er ein   war.

 

Er ging seinen langen Weg Tag für Tag, begleitet von vielen Menschen, seinen Eltern, seinen Geschwistern, seinen Großeltern, Tanten, Onkel, Verwandten und Bekannten, Freunden, Lehrern und Mitschülern.

Viele halfen ihm auf seinem Weg, der Papa trug ihn auf dem Rücken, die Mama zog ihn im Schwimmring durch das Wasser, die Oma schob ihn im Kinderwagen, die Tante nahm ihn zu sich aufs Pferd, der Onkel aufs Fahrrad. Und so ging es immer ein bißchen weiter.

 

Der Weg, den er gehen mußte, war nur ganz am Anfang gerade und flach. Schon nach wenigen Wochen wurde er kurviger.

Er begegnete Menschen in weißen Kitteln, die sagten: „Kind, was hast du für kleine Füßchen“, denn sie wußten nicht, dass er ein   war und für Schmetterlinge sind Füße nicht wichtig. „Und warum kannst du nicht richtig gehen, komm wir helfen dir, damit du größere Schritte machen kannst.“

Und sie brachten ihn in ein großes Haus, wo sie ihm die kleinen Beine aufschnitten und ihn viele Wochen in Gips einpackten.

Da konnte er überhaupt nicht mehr gehen, nicht einmal mehr krabbeln.

 

Jetzt fing der Weg an steiniger zu werden und für die Leute, die ihm halfen, wurde es schwerer, ihn zu tragen, ihn zu schieben oder ihn auf dem Pferd zu halten.

Seine Eltern gaben ihm alles, was sie geben konnten, aber sie mußten erst lernen, mit einem kleinen Schmetterling umzugehen. Es war sehr schwer für sie diese Zeit. Da sie aber nur das Beste für den kleinen   wollten, beschlossen sie, ein wenig Abstand voneinander zu nehmen. Jeder paßte auf seiner Seite auf, dass ihm nichts passieren konnte. Sie wechselten sich jetzt ab beim Schieben und konnten damit Kraft sammeln für das Liebste, was sie im Leben hatten.

 

Er begegnete vielen Menschen, die meisten lachten ihn sofort an und wurden seine Freunde. Sie freuten sich einfach ,wenn sie ihn sahen, er sah so klein und zerbrechlich aus. Und jeder wollte ihm irgendwie helfen.

Auch beim Tragen und Wagen schieben halfen viele mit, manchmal war es schon genug, wenn sie den Wagen einen Moment festhielten, damit er nicht davonrollte.

 

Am liebsten kletterte Martin auf sein kleines rotes Autochen.

Da fühlte er sich den Menschen ebenbürtig, die in großen Autos an ihm vorbeifuhren. Ganz wild riß er sein Autochen hoch und schob sich nach vorne, immer weiter auf seinem Weg.

An Sonntagen hatte der Papa mehr Zeit für ihn, dann durfte er im Auto mitfahren, manchmal vorne beim Papa auf dem Schoß. Beide liebten diese Stunden, sie waren so nah zusammen.

Manche Menschen sagten dann: „Das dürft ihr nicht, das ist verboten, kleine Kinder dürfen nicht vorne sitzen.“

Sie wußten ja nicht, dass der Papa nur ganz langsam fuhr, fast wie bei einem Spaziergang, auf kleinen Wegen und Straßen.

Der kleine   Martin kannte diese Wege, denn sie führten zu einem ganz bestimmten Ort. Und wenn die Fahrt zu lange dauerte, mußte er den Papa erinnern: „Anta“ sagte er leise und spätestens dann wußte der Papa, dass Martin Sehnsucht nach seinem Freund, dem Pferd Santa, hatte. Denn Schmetterlinge lieben Pferde, vielleicht weil sie in vielen Dingen genau das Gegenteil von Schmetterlingen sind, sie sind stark und schnell.

Aber in den Dingen, die für den kleinen   wichtig waren, sind sie gleich. Sie mögen es wenn man Zeit für sie hat, sie gestreichelt werden, wenn man ihnen etwas ins Ohr flüstert.

 

Jetzt fing der Weg an ein wenig anzusteigen; nicht viel, aber beim Schieben konnte man es schon deutlich merken.

Viele Menschen halfen weiterhin auf seinem Weg, auch wenn sie nur eine Hand frei hatten oder ihnen der Rücken weh tat: der eine hob die Steine auf, die auf dem Weg lagen, andere leuchteten, wenn es dunkel war, sie spielten ihm Lieder vor, hielten den Regen- oder Sonnenschirm, sprachen mit ihm und seinen Eltern oder standen einfach nur am Rande und winkten.

Einige Menschen standen weit entfernt, sie sagten zu seinen Eltern: „Es ist doch viel zu schwer für Euch und ihr seht doch, dass es nicht geht. Laßt ihn doch fliegen, dann ist es für euch leichter.“

Aber sie hörten nicht auf diese Menschen, denn sie glaubten nicht, dass es einfacher wäre ohne ihn.

Sprechen hatte der kleine   nie gelernt, Schmetterlinge können nicht sprechen.

Er hatte eine Geheimsprache, die nur die Menschen verstanden, die jeden Tag mit ihm zu tun hatten. Die Omas nannte er „Omma“, das konnten die fremden Menschen noch verstehen, die Tante, die ihn mit zum Reiten nahm, nannte er „Aana“, der Papa war „Abba“, wenn er ins Schwimmbad gehen wollte, sagte er einfach „emba“.

 

Schwimmen, baden, im warmen Wasser treiben, das war seine Lieblingsbeschäftigung überhaupt. Da war er frei, da brauchte er die schwachen Beine nicht. Und wenn man sagte: „Martin, mach ein Tauchermännchen!“ dann tauchte er ganz fröhlich seinen Kopf ins Wasser und zog ihn schnell wieder raus.

Denn Schmetterlinge können nicht tauchen, sie können nur im Wasser treiben.

 

Und er hatte eine eigene Sprache entwickelt. Wenn er Pommes Frites haben wollte, dann klopfte er einfach mit dem Zeigefinger 3mal auf den Tisch. Und das machte er oft, denn Schmetterlinge lieben Pommes Frites. Den Menschen, die nicht wußten, dass er nicht nur 1, sondern 2 Omas hat, die Anneliese heißen, hielt er stolz das Händchen mit 2 ausgestreckten Fingern hin.

 

 

 

 

Eines Tages wurde es plötzlich ganz dunkel um den kleinen   herum.

Er konnte auf einmal nichts mehr sehen in der Dunkelheit. Und das ist für einen kleinen Schmetterling eine sehr schwierige Sache. Jetzt konnte er sich nur noch auf seine Fühler verlassen.

Die Menschen um ihn herum mußten jetzt noch näher an ihn herankommen. Der kleine Schmetterling wurde ganz traurig und er sagte zu den Menschen, die ihn begleiteten: „Ich kann euch nicht mehr sehen, nur noch hören, mein Leben ist jetzt so schwer geworden, ich bin zu schwer für euch. Ihr seht doch, ich bin ein   , laßt mich fliegen!“

Martin wurde jetzt oft traurig.

Aber die Menschen um ihn herum sagten: „Kleiner Schmetterling, bleib hier; solange wir dich bei uns haben, tun wir alles um dir zu helfen. Wir sind stark und können gut sehen, wir sind deine Beine und Augen, und du bist unser Herz.“

 

 

 

 

Irgendwann einmal führte ihn sein Weg in ein Land, wo die Menschen eine andere Sprache sprachen als die Menschen in Deutschland.  

Aber er konnte sie trotzdem gut verstehen, denn sie sprachen seine Sprache. Sie nahmen ihn einfach auf den Arm, drückten ihn und tanzten mit ihm Samba. Sie flüsterten zärtliche Worte in sein Ohr, die jeder kleine Schmetterling verstehen kann. Leider war es in diesem Land viel zu heiß für ihn, er wäre gerne dageblieben, aber er mußte weiter.  

Die Menschen schauten ihm lange nach und hatten Tränen in ihren Augen. Auf seinem ganzen Weg spürte er immer, dass sie da waren und ihn gerne wiedersehen wollten.

 

Er kam in ein anderes Land, in dem er keine Menschen auf den Straßen traf. Sie fuhren alle in großen Autos und oft konnte man gar nicht erkennen, dass es überhaupt Menschen in diesen Autos gab.  

Dort war es nicht so heiß, aber sehr viel wärmer als in Deutschland, wo es ihm schnell kalt war.  

Hier in diesem Land mit den großen Autos gefiel es ihm gut, obwohl ihm seine Freunde aus Deutschland fehlten. Er konnte oft in seinem kleinen blauen Buggy spazieren fahren. Zur Schule durfte er immer in einem großen gelben Bus fahren, genau wie sein Bruder.

Er traf Menschen, die ihm sagten: „Du kannst etwas lernen und wir helfen dir dabei.“

Die eine ging mit ihm schwimmen,  die nächste zeigte ihm ,wie man Blechdosen zerkleinern kann, sie malten Bilder, manchmal gingen alle Kinder zusammen einkaufen.  

Sie spielten Musik für ihn. Ja, Musik, die mochte er. Wenn die Oma aus Deutschland anrief, begann das rechte Händchen rhytmisch sich hin und her zu bewegen. Und aus dem fernen Land hörte er sein Lieblingslied „Klingglöckchen, klingelingeling“. Das konnte er gar nicht oft genug hören.

 

Das Wetter in diesem Land war gerade richtig für Schmetterlinge wie ihn und so dauerte es auch gar nicht lange, bis er auf seinem Weg andere kleine Schmetterlinge traf.

Er sah sie erst aus der Ferne, sie kamen immer näher und dann auf einmal wußte er, dass es seine Brüder waren, seine Schwestern. Auch sie wurden geschoben von ihren Eltern, ihrer Familie, ihren Freunden. Einige konnten ein paar Schritte gehen auf ihren kleinen, schwachen Beinen.

Sie waren so wie er, ein bißchen größer oder kleiner, stärker oder schwächer.

Manchmal fuhren alle ganz dicht zusammen, dann riefen sie sich zu, sie berührten ihre Hände, streichelten ihre Köpfe, sie waren lieb miteinander. Dann wieder waren sie ganz weit auseinander, so dass sie sich nicht einmal sehen konnten. Aber sie wußten immer, wo ihre Schmetterlingsgeschwister waren und egal wie weit ihre Wege auseinanderlagen, die Richtung, in die sie gingen, war bei allen die gleiche.

Sie gingen verschiedene Wege, die manchmal steiler waren als die des kleinen Schmetterlings Martin. Manchmal waren ihre Wege breiter, heller, und sie kamen gut voran, es war leicht für die Famile, sie zu schieben.

Und es gab Wegstrecken, wo alles zusammen kam: der Weg war steil, dunkel, es regnete, und der Wind zerrte an den kleinen Kinderwagen. Er hatte einige gesehen, die ihre wunderschönen bunten Flügel ausgebreitet hatten und einfach davongeflogen waren.

Die Menschen, deren Schmetterling weggeflogen war, spürten sofort, dass der Wagen, den sie geschoben hatten, leichter geworden war. Aber sie waren auch nicht mehr so stark wie vorher - und sie waren traurig.

Sie fingen jetzt an zu weinen, wenn sie den kleinen   sahen, denn er erinnerte sie an ihren eigenen kleinen Schmetterling, der davongeflogen war.

Und wieder wurde der Weg ein bißchen steiler, und er wurde viel schmaler. Martins Zähnchen taten ihm weh und er konnte nichts mehr essen. Wieder begegnete er den Menschen mit den weißen Kitteln, die sagten: „Du brauchst deine Zähne doch gar nicht und das Essen können wir dir direkt in deinen Bauch spritzen.“

Er hatte nie sehr viel gegessen. Schmetterlinge brauchen nicht viel um leben zu können. Aber jetzt konnte er überhaupt nichts mehr essen, keine Bananen, keine Pommes Frites, kein Eis.

 

Der kleine   Martin wurde immer ruhiger, immer weniger brauchte er. Oft lag er nur flach auf einem Kissen und hörte Musik.

Die Menschen um ihn herum fragten: „Was möchtest du haben, wir wollen dir etwas schenken.“

Er antwortete ihnen nicht. Sie konnten nur ahnen, dass er alles, was er gebraucht hatte, von ihnen bekommen hatte.

 

 

 

 

 

Es war der 20. Mai 2002.

 

Der Weg war jetzt ganz steil geworden, es war dunkel und regnete, dann fing der Wind an zu blasen.

Die Menschen erschraken, weil sie gesehen hatten, wie andere Schmetterlinge bei solchem Wetter davongeflogen waren.

Sie sagten: „Kleiner Schmetterling bleib bei uns, wir lieben dich, du bist unser Herz, wir brauchen dich, laß uns nicht allein.“

Und der Wind wurde stärker, die Flügel des kleinen   fingen an zu zittern und er sagte: „Ich liebe euch auch, und ich bin nur so weit gekommen, weil es euch meine Eltern, unsere Familie, unsere Freunde, Bekannten, Lehrer und Mitschüler gegeben hat. Ihr habt mich auf all diesen schwierigen Wegen getragen und geschoben. Wir sind alle müde. Ich würde so gerne bei euch bleiben, aber ihr wißt doch, ich bin ein .“

 

Der Wind war jetzt sehr stark geworden. Der kleine  faltete seine Flügel weit auseinander. Sie bewegten sich auf und ab.

 

Die Menschen drückten ihn ein letztes Mal. Sie gaben ihm einen langen Kuß auf die Stirn und sagten:

„Flieg, Martin, Flieg!!“